Freitag, 28. Februar 2014

Reisebericht aus anderen Augen

Reisebericht Ghana aus der Sicht meiner Mutter:

Am 17.1. frühmorgens geht's los, erstmal nach Istanbul, dort umsteigen ins Flugzeug nach Accra, wo ich um 20:20 ankomme. Dort erstmal die Einreisemodalitäten: sämtliche Fingerabdrücke und das Auge abscannen, man kommt sich vor wie ein Schwerverbrecher. Dann geht's mit meinem Gepäckwagen raus in die tropische Hitze, dort warten die schwarze Nacht und eine Riesenmenge schwarze Menschen... von Leonie erstmal keine Spur. Einige Taxifahrer versuchen gleich, mich als Fahrgast anzuwerben, einer von ihnen ruft freundlicherweise Leonie auf dem Handy an, so dass sie kurz danach auf mich zugesprungen kommt. Ich freue mich, dass sie so gesund und glücklich aussieht, und staune, wie selbstbewusst sie uns ein Taxi organsiert und den Preis auhandelt. Dann geht's ins Hotel, das direkt am Meer liegt, so dass die ganze Nacht vom Tosen der Wellen untermalt ist.
Das Hotel ist sehr originell, hat ein gewisses Aussteigerflair, wird wohl auch gern von Hippies besucht. Wobei das Zimmer schon äußerst einfach ist, besonders das Bad, aber mit deutschen Ansprüchen darf man ghanaische Hotels eh nicht messen. Es ist in den Hang über dem Meer reingebaut und hat einen eigenen Strandzugang. Und eine tolle Aussichtsterrasse, wo wir ein leckeres Frühstück mit frischem Ananassaft zu uns nehmen.
Anschließend fahren wir mit dem Taxi zum Platz, wo die Trotros in Richtung Nkwanta starten. Bei der Ankunft dort heißt es, es solle bald ein Bus nach Nkwanta kommen. Also setzen wir uns im Schatten auf eine Treppe und warten. Und warten. Immerhin gibts dauernd was zu sehen - fliegende Händler (meistens Frauen) die ihre Waren auf dem Kopf tragen, wirklich verrückt, was sie alles gleichzeitig tragen, unglaubliche Lasten, und ihre Kinder noch dazu auf dem Rücken!
Nach 4 Stunden endlich ist der Bus da und nach langem einsteigen und packen können wir abfahren. Der Bus ist gerammelt voll, bis auf den letzten Platz, dazu stapeln sich Kisten und sonstiges Zeug im Mittelgang, man kommt nur noch mit waghalsigem Geturne durch. Die Fahrt dauert ewig, mir tut irgendwann der Hintern weh, man weiß ja auch dauernd nicht, wo man ist und wie lang es noch dauert. Um 11 abends kommen wir dann in Nkwanta an, zur Weiterfahrt zu Leonies Haus steht nur ein einziges Motorrad zur Vefügung. Da kommt vorne auf den Tank die Reisetasche mit den Mitbringseln für Leonie und Magda, hinter dem Fahrer sitzt Leonie mit unseren beiden kleinen Rucksäcken, und dahinter ich mit dem dicken Tramperrucksack. Immerhin finde ich neben Leonies Füßen sogar noch einen Zentimeter Platz für meine Füße... aber ich bin schon froh, dass wir nach nur 4km ankommen und gleich ins Bett fallen können.

Am nächsten Tag kann ich dann Haus und nähere Umgebung inspizieren. Man betritt die beiden Appartments über eine geräumige Veranda und kommt dann in ein Durchgangszimmer (Küche bzw Wohnzimmer) und von da aus in Leonies bzw. Magdas Zimmer. Alle Zimmer sind quadratisch und ca. 12 qm groß. Der Sauberkeits- und Ordnungslevel entspricht jetzt nicht gerade meinen hausfraulichen Gepflogenheiten, aber Hauptsache, den beiden Mädels taugts so... Dafür fand ich beachtlich, mit wieviel Kreativität und Improvisationstalent die Beiden ihr Heim wohnlich gemacht haben. Die beiden Zimmer sind richtig gemütlich durch die Wand- und Bodengestaltung. Und den Clou fand ich die umgitterte Veranda, wo mithilfe der Mauersteine vom Hof und etwas Holz und Matratze eine richtig gemütliche Sitzecke entstanden ist. Genauso der praktische Spültisch (auch aus gestapelten Mauersteinen) auf Leonies Veranda, wo man also im Freien abspülen und überschüssiges Spülwasser bequem über Bord kippen kann.
Mir persönlich fehlen dort schon Klo und fließend Wasser. Duschen mit Eimer fand ich kein Problem. Aber die Entscheidung zwischen stinkendem Klo-Eimer auf de Veranda oder dreckigem Klohaus auf dem Hof fand ich schwierig. Genauso, dass man sich nicht schnell mal die Hände waschen kann. Wenn man weiß, dass jeder Liter Wasser, egal ob "Pipewater" oder Trinkwasser, von den Nachbarskindern angeschleppt wird, dann hat man schlechtes Gewissen, sobald man paar Tropfen verbraucht...
Die Umgebung dort ist leicht hügelig, in der weiteren Entfernung sind beiderseits Berge zu sehen, sofern sie nicht im Staub verschwinden. Die Besiedelung ist recht locker, mal stehen paar Häuser dichter zusammen, dann sind wieder 100 m Abstand dazwischen. Direkt gegenüber von dem (ja nur halb bewohnten) Haus von Magda/Leonie ist ein genauso gebautes weiteres Haus, in dem nur eine Familie mit 3-jährigem Kind wohnt. In ca 100 m Abstand wohnt die "Moja-Familie", zu denen ein ganz enger freundschaftlicher Kontakt besteht. Sie haben 8 Kinder zwischen 4 und 19, die alle englisch sprechen, die Eltern allerdings nicht. Sie wohnen wie eigentlich alle Familien dort extrem einfach, ein Raum zum schlafen, auf dem Hof gibt es eine einfache Hütte zum kochen (die besteht nur aus einer Feuerstelle auf dem Boden und paar rumliegenden Töpfen). Die Kinder sind total anhänglich und sehr lieb mit strahlenden Augen.
Wir sind nachmittags bei ihnen zum Fufu-Essen eingeladen, daher fahren Leonie und ich (wieder gemeinsam auf einem Motorrad) in den Ort, um dafür einzukaufen. Der Ort ist auch total einfach, überall nur einfache kleine Hütten, dazwischen rote Sandstraßen. Eingekauft wird an Marktständen oder in solchen Hütten, kaum so groß wie eine Garage.
Inzwischen ist auch Magda von ihrem Wochenend-Trip zurück, so dass ich sie auch mal kennenlernen kann. Immer wieder lustig, dass sie auch aus Regensburg kommt und die Enkeltochter meines ehemaligen Mathelehrers ist!
Abends gehts dann also zum Fufu-stampfen. Dazu werden Yam-Wurzeln weich gekocht, das ist das Hauptgemüse in Ghana und kann so vielseitig wie Kartoffeln verwendet werden, schmeckt auch ähnlich. Diese werden dann in einer großen Holzschüssel mit einem "Riesenmörser" zerstampft. Am Ende schmeckt das dann ähnlich wie Kartoffelknödel, wenn man Pech hat etwas schleimig. Dazu hat der 14-Jährige für uns Stew gekocht, ähnlich wie Gulasch, mit Hühnchen und Tomaten, ziemlich scharf aber sehr lecker gewürzt.

Am nächsten Vormittag mache ich mit Leonie einen kurzen Spaziergang zum Fluss, wo die Frauen (und auch Magda/Leonie) zum Wäsche waschen hingehen. Die Vegetation dort ist ja insgesamt wegen der Trockenzeit ziemlich verdorrt, teilweise geschwärzt durch Buschbrände. Aber der Fluss liegt in einer kleinen Senke, wo plötzlich alles knackig grün und dicht bewachsen ist, eine richtig idyllische Oase.
Später fahren wir dann, wie immer per Motorrad, zur Schule. Sie ist ja ganz neu, sieht daher topmodern und schick aus. Leider müssen Magda und Leonie an dem Tag nicht unerrichten, so dass ich nicht assistieren kann. Aber die Lehrer machen einen sympatischen Eindruck, auch Projektleiterin Gill lerne ich kurz kennen. Und die Schulmädchen strahlen mich alle an und sehen nett aus.

Am folgenden Tag machen wir uns auf den Weg zu unserem neuen Etappenziel: die Wasserfälle in der Nähe von Hohoe, auf halbem Weg zurück nach Accra. Da die Hinfahrt ja im Dunkeln stattgefand, finde ich es spannend, mir nun Dörfer und Vegetation anzusehen. Die Dörfer sind alle wirklich sehr ärmlich mit kleinen Hütten, mal aus Lehm, mal aus Betonsteinen, manchmal sogar verputzt. Manche mit Blech gedeckt, andere mit Stroh. Lustig finde ich, dass wohl in ganz Ghana nahezu alle Familien Ziegen und Hühner haben, die sich alle frei bewegen dürfen. Da ja das Leben hauptsächlich draußen auf dem Hof stattfindet, laufen also alle durcheinander: Erwachsene, Kinder und Tiere. Und deren Geräusche begleiten einen auch durch den Tag, von frühester Dämmerung bis in die Dunkelheit hört man Gockelgeschrei, Gegackere, Ziegengemecker, Kindergeschrei, Musik.... Also Ruhe hat man wohl in ganz Ghana allerhöchstens in der Zeit zwischen 23 und 5 Uhr.
Als wir mit unserem Trotro gerade Hohoe erreichen, gibt es einen mächtigen Knall: einer der Reifen ist geplatzt. Wir sind dankbar, dass das nicht noch unterwegs passiert ist. So können wir uns gleich ein Taxi nehmen und zu unserem Hotel fahren. Es ist für ghanaische Verhältnisse super ausgestattet und Leonie wähnt sich wie im 7. Himmel. Wir lassen es uns daher auch gut gehen, chillen im exotischen Garten, essen schön und spielen Karten.

Statt der Wanderung zum Wasserfall starte ich dann leider frühmorgens mit diversen Wanderungen zur Toilette. Durchfall, Übelkeit und Bauchgrimmen plagen mich, zum Glück kehrt aber schon nachmittags wieder Ruhe ein, so dass ich mich mit einer Nudelsuppe wieder flott machen kann.
So können wir also am nächsten Morgen zum Wasserfall starten. Beim VisitorCenter zahlen wir eine kleine Gebühr und werden von einem Guide begleitet. Bald sind wir im dichten Regenwald, gigantische Baumriesen überragen den dichten Busch, unterschiedlichste Gewächse wuchern durcheinander und alles ist knackig, saftig und grün. Wir wandern eine Dreiviertelstunde am Bach aufwärts, überqueren ihn mehrfach über Brücken, das morgendliche Gegenlicht der Sonne lässt alles leuchten und glitzern, wirklich wunderschön! Dann kommen wir am Wasserfall an, dem höchsten von Westafrika, beeindruckend! Oben am Hang flattern Hunderte Fledermäuse durcheinander und hängen sich kopfüber an die Felsen.
Dann laufen wir zurück und gönnen uns eine schönes Siesta, bevor wir nachmittags mit einem Trotro zu einem weiteren Wasserfall fahren. Der Weg durch den Dschungel ist sogar noch schöner, noch verwilderter. Zuerst gehts durch vertrocknete wild wachsende Maispflanzen und Bananenstauden, vorbei an dicht behängten Papayabäumen und sogar Kakaubäume mit unterschiedlich großen Kakaufrüchten (ja, sie wachsen tatsächlich direkt am Stamm). Dann tauchen wir wieder ab in den Regenwald, der hier noch dichter und wilder ist, wieder entlang am Bach. Der Wasserfall ist nicht ganz so hoch, aber irgendwie geheimnisvoller. Leonie taucht sogar kurz ins Wasser ab. Als wir zurückfahren wollen, gibt es kein Trotro mehr, die einzige Möglichkeit ist, mit Motorrädern zurückzufahren. Ich bin nicht begeistert, bei den Straßenverhältnissen und ohne jegliche Schutzbekleidung ist mir das gar nicht geheuer. Aber wir müssen ja irgendwie zurück...

Am nächsten Morgen starten wir schon um 7 ohne Frühstück mit dem Taxi nach Hohoe. Der Taxifahrer fährt recht rasant mit dröhnender Reggaemusik. Als ihm ein größerer Vogel ins Auto flattert, wendet er kurz und wirft den Vogel in den Kofferraum - kann man ja noch essen! In Hohoe dann wieder 2 Stunden Warterei, bis das Trotro Richtung Accra voll ist und startet. Leonie organisiert uns etwas Proviant von den fliegenden Händlern, mundgerechte Mango, Kekse und undefinierbare Teigknödel. Die Grundregel "Peel it, cook it or forget it" kann ich vergessen, dann würde ich glatt verhungern, aber ganz geheuer ist es mir nicht.
Auf dem Platz geht es wie immer noch her, immer wieder staune ich, wieviel die Frauen hier schleppen, auf dem Rücken ihr Kind und dazu auf dem Kopf ein Gewicht von oft locker 20 kg oder mehr. Ich bewundere auch, wie die Kinder festgebunden werden: selbst kleine Kinder werden von der Mutter in leicht vornübergeneigter Haltung auf den Rücken geschoben, krallen sich dort selber fest, während die Mutter das Tuch unter ihren Armen durch und über den Rücken des Kindes bindet und vorne an der Brust ruckzuck ineinander schiebt (keine Ahnung wie das hält??), dann wird noch der untere Rand des Tuchs um ihren Bauch und unter den Po des Kindes gebunden, fertig ist das Ganze. Also nicht so eine kompllizierte Technik wie bei uns über die Schultern, sondern nur einmal außenrum gebunden. Selbst 8-Jährige tragen so schon ihre kleinen Geschwister. Nachdem ich selber 3 Babys großgezogen habe mit der eisernen Grundregel, dass der Kopf jaaa niiie in die Sonne darf, hab ich arge Mühe damit, dass die Kinder hier nie eine Kopfbedeckung aufhaben und teilweise der prallen Mittagssonne ausgesetzt sind, mit fetten Schweißperlen auf dem Kopf - sie werden ja immerhin zusätzlich vom Körper der Mutter und dem Tuch gewärmt. Aber scheint ja zu funktionieren... Wobei ich fast nie Kinder unter 6 Monaten gesehen habe, die kleineren bleiben wohl noch daheim..?
Wir kommen also inzwischen nach einer Trotrofahrt mit durchgesessenen Sitzen und permanenter Musikbeschallung in Accra an, wechseln dort gleich in ein Taxi, um zum nächsten Trotro-Abfahrtsort zu gelangen. Accra ist in meinen Augen ein grauenhafter Moloch, eine Konglomeration von Hässlichkeiten, völlig übervölkert, stinkend, lärmend, scheußliche Gebäude, die Straßen übervoll mit stinkenden Autos und Bussen (ASU würden die alle nicht kriegen...)... Und wir quälen uns also eine Stunde bei Mittagshitze duch den Stau, immer hinter einem die Luft verpestenden Bus hinterher. Als wir am Bussammelplatz ankommen, stürzen sich gleich wieder Bus- und Trotrofahrer auf uns, um uns für ihr Fahrzeug zu gewinnen, alle schreien ihren Zielort aus und versuchen, uns das Gepäck abzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt verliere ich langsam die Fassung (wir sind ja nun schon 7 Stunden ohne Pause unterwegs), und Leonie bugsiert mich in irgendeinen Fernbus rein. Dieser hat immerhin Air Condition, dafür allerdings auch eine Soundanlage, die dauernd voll aufgedreht ist. Dier erste Stunde wird sie genutzt von einem Prediger, der aber nicht "predigt" sondern schreit, klingt nach einer Mischung aus Schimpftirade und Strafpredigt, ab und zu unterbrochen von einem "Halleluja!" oder "Praise the Lord!". Als er endlich fertig ist, wird ein ghanaischer Spielfilm eingelegt, grenzenlos blöde, und auch so zerrend laut, dass ich mir schließlich die Ohren zuhalte. Die Aussicht nach draußen ist auch nicht aufbauend, entweder recht langweilige flache Landschaft mit gleichförmigem Buschbewuchs, ab und zu mal eine Palme oder Bananenpflanze. Oder endlose slumartige Hütten entlang der Straße.
Um 8 abends kommen wir schließlich in Takoredi (im Westen von Accra) an. Als wir aussteigen, trifft mich fast der Schlag: draußen ist es grenzenlos heiß und schwül, ich habe das Gefühl, wir sind unter eine Dunstglocke gesperrt. Wieder rein in ein Taxi, und um 21 Uhr sind wir endlich in unserem stilvoll eingerichteten Hotelzimmer am Meer, das zum Glück auch Air Condition hat. Leonie und ich sind so fertig und sie so genervt von meiner schlechten Laune, dass wir uns noch mächtig in die Wolle kriegen und verkracht ins Bett fallen.

Die Nacht dauert für mich mal wieder nicht lang, ich starte wieder mit meinen Wanderungen zum Klo, wieder mit Durchfall und Übelkeit. Diesmal ist auch noch Fieber dabei, und ich komme den ganzen Tag nicht mehr aus dem Bett und sehne mich nach Hause. Immerhin gibt es mittags ein mächtiges Gewitter, eineinhalb Stunden donnert es und gießt wie aus Kübeln. Und wie erhofft ist es anschließend deutlich angenehmer draußen.
Allerdings ist direkt neben unserem gehobenen Hotel eine Strandbar, wo es bis spätabends und ab frühmorgens laute ghanaische Musik gibt. Seitlich vom Hotel sind direkt Slums, von dort werden wir auch den ganzen Tag mit Ziegengemecker, Hühnergegacker und sonstigen "Wohngeräuschen" beschallt. Ruhig ist es in den Tagen am Meer jedenfalls nicht ein einziges Mal. Wobei ich es gleichzeitig faszinierend finde, das Leben der Menschen zwischen diesen primitiven Hütten zu beobachten. Den Regenguss nutzen sie, um das Wasser in unzähligen Tonnen aufzufangen und stapelweise Wäsche zu waschen. Gekocht wird an einer Feuerstelle in der Mitte des Hofes, eine Mutter stillt sogar ihr Kind, während sie Fufu stampft. Aufgefallen ist mir, dass sie eigentlich immer gepflegt und alles andere als unglücklich aussehen, trotz dieser extrem ärmlichen Lebensweise. Auch wenn ich niemals mit ihnen tauschen möchte, so hinterfrage ich doch unsere westliche Lebensform, wo man früh zum Einzelkämpfer wird, mit viel Konkurrenzkampf, und wo Glück an der Menge der gehorteten Güter gemessen wird. Der Gemeinschaftssinn kommt dabei oft zu kurz. Die Ghanaer mit ihrer freunlichen, offenen Gelassenheit kommen mir oft entspannter und zufriedener vor als wir gehetzten und gestressten Europäer.
Genauso finde ich spannend, den Umgang mit den Kindern zu beobachten. Sie werden von klein auf einfach mitgeschleppt, werden gut versorgt, aber ansonsten nicht weiter beachtet, ich habe mehrfach beobachtet, dass Kinder, die weinen oder schreien, einfach ignoriert werden. Leonie meint, auf Dauer geben sie halt auf und lernen, sich anzupassen. Es gibt auch gar kein Spielzeug, sondern die Kinder laufen im Alltag mit und werden früh mit einbezogen. Beachtlich dabei finde ich, dass sie dabei durchaus keinen unglücklichen Eindruck machen, sie haben alle ein Strahlen in den Augen und machen einen sehr wachen lebendigen Eindruck. Wenn ich da an die Kinder hier denke, denen von klein auf jeder Wunsch von den Augen abgelesen wird, und die mit Frühförderung und tonnenweise Spielzeug überschüttet werden... da frage ich mich, ob hier so viele Jugendliche in der Pubertät Schwierigkeiten kriegen, weil sie nicht die Erfahrung machen, Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der sie wichtige Aufgaben beitragen.

Die letzten 3 Tage gönnen wir uns faule Tage am Strand, hopsen in den Wellen rum, Leonie taucht durch die größten unten durch, während ich mich feige durchmogle. Morgens essen wir lecker Obstsalat mit Mango und Ananas, abends supergünstigen Lobster.
Und zwischendurch ärgen wir uns über unseren Hotelaffen, ein verwildertes zugelaufenes unerzogenes Biest, das einmal in unserem Zimmer auftaucht und aggressiv wird, als wir es verscheuchen wollen. Wir sind einigermaßen hysterisch, weil wir Angst haben, dass er mit Handy o.ä. verschwindet, aber zum Glück entscheidet er sich für eine Tüte mit Studentenfutter... Ab da trauen wir uns kaum noch durch die Tür aus Angst, dass er wieder reinkommt...
Bei einigen Straßenhändlern finden wir hübsche Mitbringsel. Die Händler dort sind viel angenehmer als die, die ich in Nordafrika kennen gelernt habe, wenn man zu verstehen gibt, dass man kein Interesse hat, lassen sie einen sofort in Ruhe. Beachtlich auch die Ehrlichkeit: einer verschwindet mit meinem Geldschein, kommt kurz darauf brav mit meinem Wechselgeld zurück. Ein anderer gibt mir, als ich kein Geld dabei habe, die Kette schon mal mit und sagt mir, er vertraut mir, dass ich ihm das Geld noch bringe.
Vor dem Sonnenuntergang gibt es täglich am Strand ein besonderes Schauspiel: ungefähr 20 Erwachsene und Kinder, natürlich alles Schwarze, bekleidet mit knallbunter Kleidung, die im warmen Abendlicht leuchtet, ziehen an einem riesigen Tau Fischernetze aus dem Wasser ans Land. Auch hier wieder schön mit anzusehen, wie selbstverständlich die Kinder mit einbezogen werden, und mit wieviel Spaß alle zusammenhelfen.

Dann, am 29.1., brechen wir unsere Zelte wieder ab und fahren mit Taxi und Trotro zurück nach Accra, was diesmal schneller und stressfreier als auf dem Hinweg klappt. Dort besorgen wir noch letzte Mitbringsel auf dem Art Market, essen lecker Abendessen auf unserer Hotelterrasse vom ersten Morgen und besteigen dann das Taxi. Zuerst bringt es Leonie zu ihrem Trotro, sie will zu Freunden fahren und dort übernachten. Als der Taxifahrer sie rauslassen will, bittet sie ihn, sie zum Trotro zu begeleiten. Ich warte so lang im Auto und werde langsam nervös, weil er so lang nicht wieder kommt. Er berichtet dann, dass eine lange Schlange am Trotro gewartet hat und er durchsetzen konnte, dass sie sich gleich reinsetzen kann. Ich bin ihm sehr dankbar, dass ich meine sommerlich kurz bekleidete Tochter in der Dämmerung sicher im Trotro sitzen weiß. Dann gehts weiter durch den Stop-and-Go-Verkehr, bis wir zum Glück rechtzeitig am Flughafen sind. Dort klappt alles wunderbar, und netterweise lädt mich noch ein US-Ghanaer zu einem Wasser ein, ich hatte schlauerweise mein restliches Ghana-Geld im Rucksack eingecheckt und hätte sonst nichts mehr trinken können...
Der nächtliche Rückflug ist wie erwartet mit wenig Schlaf verbunden, nach Umsteigepause in Istanbul komme ich saumüde und frierend in Belrin an, wo mich netterweise ein kranker Uwe abholt.

Abends kommt dann noch der "Ghana-Nachschlag": es geht los mit Schüttelfrost, dann mal wieder der übliche Durchfall, bis ich kaum noch kreuchen kann, und morgens über 40° Fieber. Uwe fährt mich trotz "eigenem" Fieber zum Tropeninstitut, wo zum Glück keine Malaria sondern eine bakterielle Darminfektion festgestellt wird, die mit Antibiotika bekämpfbar ist. Nun bin ich also nochmal 3 Tage flach gelegen, und die Bilanz 15 kranke Tage (ich habe ja schon nach der Gelbfieberimpfung lange gekränkelt) zu 10 gesunden Tagen vor Ort finde ich doch etwas dürftig. Aber ich habe viele spannende Eindrücke erhalten und viele Denkanstöße, die eigene Lebensweise in Frage zu stellen. Und auf alle Fälle war es schön, Leonie zu erleben, wie sie sich dort integriert hat und voll in der neuen Mentalität aufgeht. Es ist beruhigend für mich, mir nun vorstellen zu können, wie es ihr dort geht, und zu wissen, dass sie dort wirklich gut aufgehoeben ist und eine tolle Zeit verlebt.

Wie die Dinge wachsen

Hey ihr Lieben,
Ich weiß, dass ich euch sehr lange habe warten lassen. Nun beginnt bei euch schon der Frühling, worum ich euch ein bisschen beneide. Schließlich ist die Jahreszeit des Wachsens meine Liebste. Aber auch hier steht die Natur nicht still. Nach anhaltenden Buschbränden sprießen wie kleine Phönixe aus der Asche wundersamerweise wieder grüne Pflänzchen . Bald kommt die Mangosaison nach Nkwanta und die Regenzeit schickt kleine nieselnde Vorboten, die den Harmattan vertreiben.
Ich genieße meine Zeit hier noch immer und es sind wieder einige erzählenswerte Dinge passiert.
Schon etwas zurückliegend sind die Weihnachts- und Silvesterfeiertage, die wir mit Freunden hier oben in Nkwanta verbracht haben.
An Weihnachten haben wir gemeinsam den ganzen Tag fleißig den Abend vorbereitet, ein Schwein geschlachtet und sind dann in die Kirche gegangen. Der Gottesdienst hat drei Stunden gedauert und war nicht eine Sekunde lang langweilig. Untergebracht in einem halb fertiggestellten Gebäude haben wir mit vorwiegend jüngeren Leuten getanzt, gesungen, Bibellesungen zugehört und die Ehre erhalten "Stille Nacht" vortragen zu dürfen. Insgesamt eine wirklich berührende und schöne Veranstaltung, die in uns allen tatsächlich die bis dahin nicht wirklich vorhandene Weihnachtsstimmung geweckt hat. Um Mitternacht haben wir dann bei uns ein Festmahl genossen und anschließend saßen wir bei Kerzenschein bis um fünf Uhr unter unserer Weihnachtspalme und haben uns beschenkt und unterhalten.
Die Ghanaer selbst feiern Weihnachten ja kaum so, wie wir es kennen. Für unsere Nachbarskinder war es jedoch schon ein ganz besonderes Geschenk, einfach einen Tag lang keine Pflichten zu haben, nicht zur Schule gehen, auf der Farm arbeiten oder Wasser holen zu müssen. Und so haben wir mit ihnen gemütlich Kakao und Kekse genossen und später die selbst erlegten Steaks gegrillt. Es war wirklich schön, die Kinder einmal so befreit und entspannt zu erleben. Sie sind rumgetanzt, haben sich wegen jeder Kleinigkeit gekringelt vor Lachen, waren frech - so wie Kinder eben sein sollten.
Am 27. haben wir dann mit unseren Besuchern eine sehr lustige und halsbrecherische Fahrt auf einem Motorrad mit Anhänger unternommen und das hängende Dorf Shiare, das an einer Bergwand erbaut ist, besucht. Die Bewohner waren leider nicht sehr erfreut über uns Touristen, was ich ihnen jedoch nicht verübeln kann. Ich glaube, ich fände es auch ein wenig seltsam, wenn plötzlich ungefragt Fremde in unserem Garten stünden, um die Apfelbäume zu bestaunen...
An Silvester waren dann andere Freiwillige da, die wir teilweise noch nicht kannten, sodass die Stimmung nicht ganz so vertraut war, aber trotzdem sehr nett.
Anfang Januar ging es dann in Accra mal wieder auf Visumjagd. Ghana mag ja viele nette Seiten haben. Das Immigration Office gehört definitiv nicht dazu. Zum Glück haben wir nun (angeblich...) alles geschafft.
Zurück in Nkwanta wurden hier gerade die Exams geschrieben, sodass Magda und ich mit Kindern unterschiedlicher anderer Schulen den Kyabobo National Park besuchen konnten. Die Natur ist eigentlich echt schön, mit tollen Bergpanoramen, Wasserfällen, Schmetterlingen und exotischen Pflanzen. Leider hielten die Ghanaer nicht so viel vom gemütlichen Wandern, sodass die Tour eher einem Ausdauer-Bergehochundrunterrennen-programm glich, aber ein bisschen Sport ist ja auch mal nicht schlecht ;-)
Kurz darauf ging es dann für mich schon wieder nach Accra, um meine Mutter in Empfang zu nehmen. Ich werde ihren Besuch an dieser Stelle nicht weiter ausführen, weil ich sie gebeten habe, ihn doch aus ihrer Sicht zu beschreiben. Das heißt, ich werde den Bericht in einem Extrapost sozusagen als Gastbeitrag veröffentlichen.
Die erste Februarhälfte lag ich fast durchgehend flach und dann stand mit drei Freunden von Magda schon der nächste Besuch an. Da ich mich mit ihnen auch ganz gut verstanden habe und wir im Projekt zurzeit kaum etwas zu tun haben, bin ich spontan mit ihnen Reisen gegangen.
Leider bereitete mir mein Magen immer noch ziemlich Probleme, sodass ich am letzten Tag in Accra ins deutsche Krankenhaus gegangen bin, wo zwar nichts herausgefunden wurde, mir aber versuchsweise ein bunter Medikamentencocktail verschrieben wurde, den ich in Hoffnung auf Besserung nun fleißig snacke.
Im kommenden Monat warten jetzt schließlich schon wieder einige Highlights auf mich. Nächste Woche ein Beachfestival, dann das Zwischenseminar mit Freiwilligen einer anderen Organisation, die wir schon kennen. Und danach kommt meine Schwester für drei Wochen zu Besuch. Außerdem habe ich nun inoffiziell die Zusage, dass ich hier im Krankenhaus aushelfen darf, sodass ich auch in der Zeit hier im Projekt wieder mehr Aufgaben habe, denn unsere Schule ist langsam so gut mit Lehrern bestückt, dass unsere Hilfe immer weniger benötigt wird.
So, das war es nun erstmal mit Neuigkeiten von mir.
Zum Schluss würde ich gerne noch ein bisschen unnützes Wissen der Pflanzenkunde mit euch teilen:
1. Mangos hängen in "Schnüren" von Bäumen und sehen dabei aus wie Lampions.
2. Ananasse (Ananesen?) wachsen wie Königinnen auf ihrem Thron in der Mitte kleiner Palmen, die nur zweimal pro Jahr eine Frucht werfen.
3. Kakaofrüchte wachsen direkt an der Rinde und verbrennen schnell beim Rösten.
4. Cashewkerne hängen unten an kleinen Früchten, die angeblich auch essbar sind, jedoch pelzige Zungen verursachen, nicht mit Zucker oder Milch verzehrt werden dürfen und stinken. (Ich habe sie nicht gegessen, bekomme aber seit einiger Zeit leider ständig volle Tüten geschenkt, seit ich meine Freude über einen Cashewbaum geäußert habe.)

Allerliebste Grüße,
Eure Léonie

Samstag, 21. Dezember 2013

So etwas wie Alltag

Guten Abend!
Pünktlich zu Weihnachten schicke ich euch mal wieder ein Lebenszeichen von mir. Nun bin ich schon seit anderthalb Monaten hier oben und so langsam ist der Alltag eingekehrt. In vielen Punkten ein ganz anderer als in Deutschland, in manchen jedoch gar nicht so verschieden.
Um euch einen besseren Eindruck zu verschaffen, versuche ich nun, einen typischen Tagesablauf zu beschreiben.
Ich wache in der Regel so um halb sieben von Musik, ersten Sonnenstrahlen oder schreienden Ziegen und Hähnen auf. Dann habe ich Zeit ganz entspannt aufzustehen, Musik zu hören, Sport zu machen und zu frühstücken, bevor ich mich im Laufe des Vormittags auf den Weg zur Schule mache. Das sind so circa vier Kilometer entlang der hügeligen roten Hauptstraße, von der man theoretisch in ein fabelhaftes Panorama ringsum blickt. Leider wird mit dem Einsetzen der Trockenzeit mehr und mehr der Harmattan spürbar, ein Sandsturm aus Nordafrika, der die Luft mit Staub spickt, mitunter so stark, dass die umliegenden Berge von ihr verschluckt werden und die Sonne nachmittags nur noch als mattgoldener Taler hinter einer diesigen Wand durchschimmert.
Auch die Landschaft wird von der Hitze nach und nach ausgetrocknet und Buschbrände verwandeln große Gebiete in kurzer Zeit in kraterartige Aschefelder.
Beim Fahrradfahren jedenfalls eine große Freude, aber wenn man weiß, dass man vor jedem herannahenden Fahrzeug rechtzeitig die Luft anhalten, die Augen schließen und sich vorher noch die nachfolgenden Schlaglöcher einprägen muss, ist es halb so wild.
In der Schule steht dann englisch, BDT oder Ghanaian Language auf dem Plan. Der Unterricht erfolgt oft relativ spontan, spielerisch oder nach Lehrplan.
Nach der Schule machen wir meist ein paar Besorgungen im Ortskern, wo man doch relativ viel bekommt, von Elektronik-, Kosmetik- bis Haushaltswaren.
Inzwischen habe ich jeweils meine eigene Gemüse-, Eier-, Apfel- und Süßigkeitenfrau, sowie Schneiderin. So zieht sich ein Einkauf dann auch entsprechend hin damit, von einer Frau zur anderen zu fahren und überall ein bisschen zu ratschen. Die Vorstellung, einfach in einen Laden zu gehen und wortlos einzukaufen, ohne sich zu begrüßen und nach dem Befinden zu fragen, kommt mir inzwischen völlig abwegig und unhöflich vor.
Nach so einer Plauderkauftour geht es dann nachhause, wo es so um vier Mittagessen und Abendessen in einem gibt. Und dann trudelt der Tag so langsam aus. Ich spiele noch ein bisschen mit den Nachbarskindern, betrachte um 17:20 den Sonnenuntergang und gehe nach Dunkelheiteinbruch in mein mittlerweile sehr gemütliches Zimmer, wo ich noch lese, male oder schreibe, bevor ich früh schlafen gehe.
An den Wochenenden machen Magda und ich oft einen gemütlichen Kochtag, wo wir versuchen draußen über dem Feuer aufwändige deutsche Gerichte auf ghanaische Art zuzubereiten.
Außerdem steht dann normalerweise der Großputz unserer im Laufe der Woche zugemüllten Küche, und Wäsche waschen auf dem Tagesplan. Kleinere Mengen waschen wir bei uns im Eimer, mit größeren müssen wir uns zu einem nahe gelegenen Flusslauf begeben, wo wir dann quasi mitten im Dschungel sitzen.
Waschen und duschen sind hier aber wirklich frustrierende Angelegenheiten, da schrubbt man stundenlang, um nach zwei Sekunden wieder mit Staub überzogen zu sein.
Dementsprechend hat sich unser Duschrhytmus hier ziemlich verlangsamt und ich zelebriere es mittlerweile regelrecht, mich kurzzeitig mal so richtig sauber zu fühlen. Außerdem führt mir der Lebensstil hier wirklich mal vor Augen, was für Wassermassen ich zuhause verschwendet habe. Hier reicht mir ein großer Eimer aus, um Körper und Haare zu waschen, mich zu rasieren, und dann ist meist sogar noch Wasser übrig. Versucht es doch einfach mal selbst zuhause!
Soweit also zu meiner durchschnittlichen Woche. Nun möchte ich aber noch ein bisschen von den Besonderheiten berichten, die der Alltag für mich bereit hält.
So habe ich beispielsweise tatsächlich die Steckbriefe mit den Mädels fertig bekommen, die von der deutschen Klasse wohl auch schon freudig entgegen genommen wurden. Die Resultate können sich wirklich sehen lassen und jedes Mädchen hat sich stolz mit dem Eigenen fotografieren lassen.
Des Weiteren war vor Kurzem die offizielle Opening Ceremony der Schule, wo ich die Mädchen mit Gitarre begleiten durfte. Das Programm der Kinder fand ich sehr gelungen, sie waren auch ganz aufgedreht, haben beeindruckend gut gesungen und einen wirklich lustigen Sketch aufgeführt, der jedoch einen sehr ernsten Kern hatte. Einen Appell an die Eltern, ihre Kinder zur Schule zu schicken, um zu guten Menschen zu werden. Eine Thematik, die ich später noch ausführen werde.
Ansonsten war das Programm leider relativ langatmig mit vielen schwer verständlichen Reden.
Seit dem 12.12. sind nun Weihnachtsferien und Magda und ich haben ein kleines Ferienprogramm im Freizeitzentrum angeboten. Von Dienstag bis Donnerstag sollten vormittags parallel Fußball und Basteln, nachmittags kreatives Schreiben stattfinden. Am Dienstag hat das auch sehr gut geklappt. Ich habe mit den Mädchen Weihnachtsdeko gebastelt und es hat sehr Spaß gemacht, mal ganz ungezwungen mit ihnen in einer Runde zu sitzen. Nachmittags haben wir uns dann gegenseitig deutsche und ghanaische Tänze beigebracht und einen Film zur Einstimmung geguckt.
Leider haben sich dann wohl ein paar Eltern beschwert, dass die Kinder so lange weg gewesen seien, sodass an den anderen beiden Tagen niemand mehr zum Basteln gekommen ist. Immerhin waren ein paar zum Schreiben da, was sich jedoch gar nicht so einfach gestaltet hat, weil es wohl noch wesentlich besser durchdachte Methoden braucht, um in den Kindern zu wecken, was sonst immer eher unterbunden wird - Kreativität.
Die Kinder werden in der Schule in erster Linie zum Abschreiben und Auswendiglernen getrimmt, weswegen beispielsweise jedes Kindergartenkind das Alphabet auswendig, aber Keines neue Wörter identifizieren kann. Es gibt für alles eine vorgeschriebene Form, Spielen wird als Faulheit angesehen.
Dementsprechend ist die Aufgabe, etwas Eigenes und Freies zum reinen Selbstzweck zu schaffen für die Meisten etwas ganz Neues. Aber der anfänglichen Verwunderung weicht meist schnell Neugier und Stolz auf das Ergebnis.
So habe ich zum Beispiel neulich mit Happy von den Mojas (unsere Nachbarsfamilie) Salzteig gemacht und war erstaunt, wie schnell sie eigene kleine Figuren geformt hat.
Die Schreib-AG wollen wir auf jeden Fall im neuen Jahr regelmäßig fortführen, gerne in einer kleineren familiären Runde, in der wirklich eine Vertrauensbasis und ein konzentriertes Arbeitsklima geschaffen werden können.
Generell gestaltet sich die Durchführung von Nachmittagsaktivitäten wesentlich schwieriger als gedacht. Die meisten Eltern haben scheinbar etwas dagegen, ihren Kindern so viel Freiheit einzuräumen, da sie im Haushalt oder bei der Arbeit benötigt werden. So kommt es beispielsweise oft vor, dass ich nachmittags im Ort eine Wasserverkäuferin als eine meiner Schülerinnen wieder erkenne.
Das ist eine Sache, die mich wirklich ein wenig hilflos und traurig macht. Zum Einen zu sehen, wie circa Siebenjährige Lasten auf dem Kopf verkaufen, die sie nicht einmal selbst herunter bugsieren können. Zum Anderen, dass soviel Potenzial in den Kindern vergeudet wird, und es vor allem keinen Ausweg gibt.
Beachtlich finde ich, wie es die Kinder reifen lässt und zu verantwortungsbewussten jungen Menschen macht. Und ich beginne mich auf eine andere Weise mit Erziehung zu beschäftigen und frage mich, ob das deutsche "in Watte packen" und Verschlingen von Pädagogikratgebern unbedingt so förderlich ist.
Neulich habe ich mich mit Stephen, einem fünfzehnjähriger Nachbarsjungen, länger unterhalten und er erzählte mir, er vermisse Zeit für sich und zum Spielen, und wünschte, nicht immer nach der Schule auf der Farm arbeiten und Wasser holen zu müssen. Aber er wisse auch, das seine Familie ihn brauche. Deswegen möchte er Arzt werden, um sie eines Tages gut unterstützen zu können.
Ich habe oft das Gefühl, dass hier in der Erziehung vielleicht weniger auf Individualität und Freiheit Wert gelegt wird, dafür jedoch auf Gemeinschaftsgeist, Hilfsbereitschaft, Ehre.
So haben unsere Nachbarn einmal unser Messer zerbrochen, aber darauf bestanden, uns ein Neues zu besorgen, obwohl sie sich nicht einmal neue Zahnpasta kaufen können. Und in der Stadt würde dir jemand, der kein passendes Wechselgeld hat, immer eher zu viel herauszugeben, als zu wenig. Das Fahrrad kann man überall stehen lassen, ohne es abzuschließen. Ich habe hier mittlerweile ein Grundvertrauen in die Menschen entwickelt, das ich zuhause nie hatte.
Und ich schließe sie in mein Herz, die temperamentvollen, begeisterungsfähigen und selbstbewussten Kinder, die humorvollen und herzlichen Gesichter unterwegs.
Und ich hoffe darauf, dass wir doch noch einen Weg finden, noch mehr außerschulisch anzubieten, sei es auch nur für wenige Kinder.
Im nächsten Jahr werden wir wahrscheinlich auch nur noch für BDT benötigt und es ist gut möglich, dass wir noch an einer anderen Schule untergebracht werden. Außerdem würde ich gerne ein Teilzeitpraktikum im lokalen Krankenhaus machen, was von der Projektleitung aus zumindest möglich ist. Das wäre für mich natürlich toll. Zum Einen komme ich so noch mehr mit lokalen Leuten in Kontakt, zum Anderen ist es sicherlich eine interessante Erfahrung, vor allem da ich immer mehr überlege, beruflich in die medizinische Richtung zu gehen.
Ich nehme mich auch hier ab und zu kranken oder leicht verletzten Kindern an, und habe ihnen auch ausdrücklich gesagt, dass sie mit kleinen Wunden immer zu mir kommen sollen, bevor es sich entzündet, da Viele nicht das nötige Geld haben, sich selbst zu versorgen.
Besonders für die Mojas empfinde ich mittlerweile wirklich Zuneigung, Verantwortung und Zugehörigkeit. Zum Einen verbringen wir viel Zeit gemeinsam, zum Anderen hat sich eine Art beständiges Geben und Nehmen entwickelt. Mal helfen wir ihnen mit den Hausaufgaben oder zahlen ihr Schulgeld, dann bringen sie uns Feuer oder füllen unser Wasser auf, dann leihen wir ihnen Räder oder kochen gegenseitig füreinander.
Jetzt in der Weihnachtszeit haben wir ein paar deutsche Traditionen an sie weitergegeben, was ihnen sehr gut gefallen hat. So war der Nikolaus dieses Jahr auch in Ghana und hat Schuhe und Adventskranz befüllt.
Wir bemühen uns hier auch redlich, es uns selbst weihnachtlich zu machen.  Aber wenn der Adventskranz aus Palmenblättern und Tomatenmarkdosen besteht, man die Plätzchen im Bikini grillt, den Adventskalender im Kühlschrank aufbewahren muss, damit er nicht zerschmilzt, und es mit Glühwein nur vor dem Ventilator aushält, kommt eben doch nur bedingt Stimmung auf...
Gestern haben wir unsere Lehrer zum Weihnachtsessen eingeladen, gab Flädle-Suppe, Semmelknödel und Gulasch, wofür wir vermutlich das beste Kompliment aller Zeiten bekommen haben: "I like this more than Fufu!".
Heute kommen dann die anderen Volunteers, die mit uns die Feiertage verbringen. Diese bestehen hier in erster Linie aus Gottesdiensten und der Schlachtung eines Schweins. Um Silvester rum gibt es wohl noch ein paar ganz lustige Feste im Dorf und wir wollen alle gemeinsam ein großes Buffet in unserem endlich fertig renovierten Häuschen zubereiten. Irgendwann zwischen den Jahren ist noch eine Zweitagesradtour geplant. Einen Schlafplatz und etwas zu Essen hält Ghana bestimmt für uns bereit.
Ich wünsche euch zu Weihnachten Gelassenheit, Freude und Menschen, die ihr liebt, um euch. Und wenn etwas nicht so läuft, wie geplant, dann denkt an die vielen kleinen Gesichter hier, die nicht einmal heile Schuhe zu Weihnachten bekommen können, und für die es das Größte ist, einmal Schweinefleisch zu essen.
Happy meinte neulich auf einmal aus tiefster Inbrunst zu mir "God bless you!". Ich weiß nicht genau, ob ich an Gott glauben soll oder nicht. Aber wenn es einen gibt, dann hoffe ich, dass er ein Auge auf all diese tollen Kinder wirft.

Frohe Weihnachten,
Eure Léonie

Mittwoch, 13. November 2013

In Bewegung

Ma Ha ;-)

Hier mal wieder ein kleines Update aus Ghana. Dieses Mal wird es wohl eher ein kunterbuntes Kaleidoskop der Erlebnisse der letzten überbrodelnden Zeit. Ein wenig wohlsortiertere reflektierte Einträge folgen in den nächsten Wochen, wenn ich die Themen ein bisschen reifen lassen konnte.
Jetzt gerade will ich euch einfach nur auf den neusten Stand bringen, da mich aber mein Tablet scheinbar piesacken will und ständig meine Texte nach der Hälfte löscht, will ich mich jetzt gar nicht lang mit der Technik rumärgern, vor allem wenn draußen eine wunderbare frische Luft und Aussicht locken... Ich hoffe, mir wird das verziehen.
Beginnen möchte ich chronologisch mit dem Mittwoch vor zwei Wochen. An diesem Tag konnte ich endlich meine Sachen packen, um erst ein paar Tage in Accra zu verbringen und anschließend mit Magda nach Nkwanta zu fahren.
Hauptpriorität war eigentlich die Beschaffung unseres Visums, was sich ob der mindestens genauso vertrackten bürokratischen Irrwege wie in Deutschland deutlich schwieriger gestaltete als erwartet.
An dieser Stelle vielleicht passenderweise ein paar Anekdoten: Es gibt in Accra zwei Immigration Services. Wir wurden zunächst ins Falsche gebracht und dachten erst, man wolle uns verarschen. Das "Ministerium" bestand aus einem abrissreifen Gebäude, die einzelnen "Büros" aus einem Haufen Schutt und Asche, in die ein paar Stühle und Tische reingequetscht geworden sind, auf denen fein herausgeputzte Mitarbeiter saßen.
Nachdem wir schleunigst zum Hauptoffice gefahren sind, haben wir nach einigem Gesuche tatsächlich in einem winzigen Container im Hinterhof für 120 Dollar unsere Non-Citizen-Card bekommen, eine neue Regelung, die unser Meinung nach hauptsächlich dazu dient, einem das Geld aus der Tasche zu ziehen...
Mit dieser Karte haben Magda und ich dann versucht ein paar Tage später unser neues Visum zu beantragen. Nachdem wir von Büro zu Büro geschickt wurden, landeten wir schließlich in einem komplett anderen Ministerium, wo man aber auch nicht wirklich etwas mit uns anzufangen wusste. Schließlich hingen wir komplett demotiviert und erschöpft auf deren Couch, und haben von den sehr netten Mitarbeitern immerhin Kekse und Cola geschenkt bekommen... und uns gefühlt wie bemitleidenswerte illegale Einwanderer.
Am nächsten Tag also alles von vorne, wieder ein paar erfolglose Herumwanderungen, Wartereien und "Gespräche" mit unfreundlichen Angestellten später, haben wir immerhin ein Formular zur Beantragung einer Arbeitserlaubnis ausgehändigt bekommen, mit dem wir dann zurück nach Nkwanta fahren sollten, um dort doch bitte ein paar Anhänge zu besorgen.
Wie dem auch sei, wir werden dann also nächste Woche wieder nach Accra fahren, um diese Erlaubnis zu beantragen, in der Hoffnung anderthalb Monate später nach Zurückerhalt endlich unser Visum verlängern zu können...
Nichtsdestotrotz haben wir in Accra eine sehr schöne Woche verbracht. Haben bei zwei netten anderen Freiwilligen gewohnt, gekocht, einen Geburtstag gefeiert, zwei Tage am Strand verbracht, ein spontanes Techno-Open-Air in einem Beachresort veranstaltet, auf dem Makola Market ein wahres Stoffeparadies entdeckt, dort viele nette Leute getroffen und im "Szeneviertel" Osu doch tatsächlich eine kleine matschige Brezel gegessen.
Am Mittwoch vor einer Woche ging es dann endlich nach Nkwanta. Und seitdem vergeht die Zeit rasend schnell, während ich gleichzeitig das Gefühl habe, schon ewig hier zu leben, einfach weil ich mich so wohl und heimisch fühle. Wir wollen hier auch eigentlich gar nie wieder weg, weil wir uns ein bisschen vorkommen wie eine kleine Familie, die sich ihr Zuhause aufbaut.
Tatsächlich sind wir gerade ganz viel damit beschäftigt, unser Haus wohnlich zu machen, nach der Devise: Maximale Improvisation, minimale Kosten. Ein paar Anschaffungen gehören natürlich trotzdem dazu, so haben wir uns zum Beispiel einen Kühlschrank zugelegt, der mitsamt uns laut polternd auf einem Motorrad mit Anhänger zu unserem Haus transportiert wurde.
Des Weiteren haben wir Draht, Werkzeug, Blechschalen und Holz besorgt, woraus wir uns einen Hühnerstall und eine Draußenkochstelle basteln werden.
Momentan wohne ich noch in Magdas Zimmer, weil wir dabei sind Meines zu renovieren. In einer lustigen Aktion haben wir die Wände gestrichen, wobei wir auch selbst ziemlich farbenfroh geendet haben. Da Ölfarbe leider die unpraktische Eigenschaft besitzt, nicht wasserlöslich zu sein, mussten wir also komplett verdreckt zur nächsten Tankstelle fahren, um Benzin zu besorgen. Der Tankwart war so nett, dass wir sogar seine Dusche verwenden durften, in der wir uns dann das erste und hoffentlich letzte Mal in unserem Leben mit Benzin geduscht haben...
Es hat sich aber wirklich gelohnt, heute haben wir einen neuen Boden mit Holzoptik (die gibt es hier überall zu Spottpreisen) angebracht und ich muss sagen, ich bin sehr zufrieden mit meiner kleinen Stube.
In den nächsten Wochen wollen wir dann noch eine Veranda mit Moskitonetzen umspannen, damit wir abends gemütlich draußen sitzen können, einen Abstellraum in ein buntes Wohnzimmer verwandeln und Hühner besorgen.
Zum Zweimonatigen haben wir uns zwei kleine super süße Hasenbabies zugelegt, die die Namen Bauchinus und Gigantikus tragen.

Nun will ich noch ein wenig von der Schule und unseren Mitmenschen berichten.
Die Arbeit läuft echt total gut an. Die Mädchen sind alle sehr lieb und motiviert. Momentan unterrichten wir vor allem BDT (Basic Design & Technology) und Ghanaian Language (jetzt wundert ihr euch vermutlich, aber es gibt für dieses Fach noch keinen Lehrer und wir machen deshalb Englischunterricht.) In BDT ist das nächste Thema Nähen und wir wollen in Accra ganz viel Stoff kaufen, um die Kinder Sportbeutel nähen zu lassen, die wir ihnen dann mit Kleinigkeiten gefüllt zu Weihnachten schenken. In der ersten Stunde habe ich sie erstmal Namensschilder basteln lassen, da ich zum einen kein Freund davon bin, einfach nur mit dem Finger auf die Mädels zu zeigen, zum anderen denke, dass es immer gut ist, wenn sie sich mal ohne viele Regeln kreativ austoben können. Sie waren auch total begeistert, teilweise wirklich talentiert und haben sich immer super gefreut, wenn man sie lobt. Ich habe sogar ein Iloveleonie bekommen, was ich sehr süß fand. Da ich gemerkt habe, wie sehr den Kindern das Malen gefallen hat und sich für mein eigenes Namensschild interessiert haben, überlege ich jetzt, eine kleine Design-AG anzubieten, wo ich nacheinander verschiedene Themen vorgebe, zu denen ich dann Inspirationsmaterial sammele, sodass sie dazu einfach mal ihre eigenen Ideen ausleben können.
In GL werde ich jetzt mit einer Klasse eine Brieffreundschaft starten. Ich konnte nämlich, meine alte Schule dafür begeistern, eine Art Gemeinschaftsprojekt mit uns zu machen, das heißt, beide Seiten würden erstmal Fotos und Steckbriefe mit den Mädels anfertigen, und dann könnte man sich verschiedene Themen raussuchen, die man gemeinsam erarbeitet, und das Ergebnis der anderen Klasse zuschicken. Zum Beispiel Natur oder Essen. So kann ich den Mädchen hier auch die deutsche Kultur ein bisschen näher bringen und sie dazu anregen, über sich selbst nachzudenken und zusammenzuarbeiten. Ich freue mich jedenfalls sehr, dass das klappt und bin gespannt, wie es wird.
Außerdem werden wir hoffentlich ab nächstem Mittwoch Kreatives Schreiben anbieten, was natürlich genau mein Ding ist, wie ihr ja vermutlich wisst.
Generell sind die Leute hier in Nkwanta wirklich offen und gastfreundlich, finde ich.
Zum Beispiel unsere Nachbarsfamilie, die Mojas. Die haben acht Kinder, die alle in einem Raum ohne Matratze schlafen (das wird vermutlich unser Weihnachtsgeschenk für sie). Die Kinder sind zwar manchmal ein bisschen anstrengend und wuseln ständig um einen rum, aber gleichzeitig auch total lieb und hilfsbereit. Jeden Freitag kochen wir jetzt für sie und gucken Filme und wir wollen bald einen Laternenumzug machen, für den wir erst die Laternen mit ihnen gemeinsam basteln.
Gegenüber von uns wohnt der kleine Desmond, der mich in seiner verschmitzten, beobachtenden Art sehr an meinen kleinen Bruder erinnert und mit dem ich total gerne durch die Sandhügel vor unserem Haus tobe, oder ihn abkitzel.
Generell habe ich das Gefühl, dass es hier nicht so üblich ist, mit Kindern wirklich zu spielen, vermutlich fehlt auch einfach die Zeit. Jedenfalls freue ich mich dann um so mehr, den Kindern auf einfachste Weise etwas "geben" zu können, in dem man zum Beispiel Fange mit ihnen spielt.
Erste gleichaltrige ghanaische Bekanntschaften konnten wir auch schon machen, so waren wir gestern mit Essien abends weg. Er war auch schon mit unseren Vorfreiwilligen befreundet und macht wahrscheinlich mit uns in seinem Auto ein paar Unternehmungen. Mit ihm fahren wir auch nächste Woche nach Accra. Ich freue mich total, mal wie in einem Roadmovie durch Ghana zu fahren, hier und dort anhalten zu können, mit Dorfbewohnern zu quatschen, leckeres Essen am Wegesrand zu kaufen, die Natur zu genießen.
Die Natur hier raubt mir einfach immer wieder den Atem. Wenn ich mich mit dem Fahrrad die rote staubige Straße entlang kämpfe, liebe ich es, ringsum in die Berge zu schauen.
Oder bei Abenddämmerung auf der Veranda abzuwaschen und den Sonnenuntergang zu betrachten.
Mit Magda verstehe ich mich auch saugut, wir verbringen echt total viel Zeit miteinander ohne uns groß auf die Nerven zu gehen, einfach weil wir total gut nebeneinander herleben können, gammeln, Hörbuch hören, futtern, lachen, reden, träumen.
Ich glaube der Grund, warum ich hier fast so glücklich bin wie noch nie, ist ein sehr einfacher. Ich mache viel weniger große Dinge, an denen viele Erwartungen hängen, dafür bin ich ständig in Bewegung, erledige kleine Handgriffe, bekomme ein Lächeln von jedem Menschen, schenke jedem eins zurück.
Ich fühle mich ein bisschen so, als hätte ich jahrelang kopfüber gelebt, und würde nun plötzlich wieder richtig rum hingestellt. Das ist ungewohnt, und nach und nach fällt mir auf, wie viel angenehmener und natürlicher es doch eigentlich ist.
Es ist schwer, alles zu erzählen und auszudrücken, was ich denke und erlebe, aber darum geht es ja auch eigentlich nicht. Viel wichtiger ist, dass ihr wisst, dass ich euch nicht vergesse und oft an euch denke im Alltag, wenn auch vielleicht langsam nicht mehr so oft wie am Anfang.

Ich schicke euch tausend liebe Umarmungen,
Eure Léonie

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Caning?



Gedanken zum "Caning" 

In einem Land wie Ghana verliert man hin und wieder das Gefühl für Raum und Zeit. Zwei Dinge scheinen hier keine Tätigkeit zu sein, sondern eine Lebenseinstellung – das Warten und das Lachen. Und bald findet man sich selbst wieder im angenehmen Bad der Gelassenheit, misst den eigenen Überlegungen weniger Bedeutung bei, wirft Überzeugungen über Bord. Ghana gibt einem die Chance, das Unwichtige vom Wichtigen zu trennen. Denn es rüttelt einen immer wieder auf. Gerade, wenn man meint, es sich gemütlich gemacht zu haben im „ghanaian way of life“, wechselt sich seine Laune, stößt es einen vor den Kopf und lässt einen ratlos zurück.

Einer dieser Momente ist die Konfrontation mit dem sogenannten „Caning“, die in dem Großteil der Klassenzimmer nachwievor übliche Prügelstrafe mit dem Stock. Dem Reisenden fällt es leicht, diese Tatsache auszublenden, denn er wird kaum damit in Berührung kommen. Wer jedoch entschieden hat, in Ghana zu leben, der merkt nach einer Weile, dass dieses Thema weitaus mehr Lebensbereiche berührt als den Klassenraum. Auch hier kommt eine der vielen ineinander verzahnten Facetten der ghanaischen Mentalität zum Ausdruck.
Obwohl gesetzlich verboten, ist es an nahezu jeder Schule üblich, zur Disziplinierung den Stock einzusetzen. Ob die Schule einen privaten oder staatlichen Träger hat, bildet hier keinen Unterschied, und auch das Klischee des prügelnden cholerischen Lehrers will nicht recht zur Realität passen. So verschieden die Lehrer in ihrer Art auch sein mögen, einen Cane besitzen sie alle. Der Umfang der Anwendung kann wiederum recht unterschiedlich ausgeprägt sein. Während einige Lehrer diesen relativ häufig schon bei kleinsten Vergehen anwenden, wenden ihn Viele nur in besonderen Fällen und eher „sanft“ an.
Für deutsche Ohren klingt dies schockierend, schließlich ist bei uns jegliche körperliche Gewalt verpönt und eine liberale Erziehung üblich. Dass noch vor hundert Jahren auch an deutschen Schulen geprügelt wurde, ist im Bewusstsein der heutigen Gesellschaft kaum noch präsent. Man ist stolz auf den Fortschritt, Länder wie Ghana scheinen dagegen noch auf einer niedrigeren „Seinsstufe“ zu stehen. Doch je länger man eintaucht in Ghanas Kultur, desto mehr muss man einsehen, dass diese Erklärung um Einiges zu kurz greift. Dass sie eher eine eine Erklärung ist für unseren größten Schwachpunkt – die Arroganz. Und dass die wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Caning“ erfordert, sich so unabhängig wie möglich von seinem gewohnten Wertesystem zu machen.
Agnes Pokua ist 24 Jahre alt und arbeitet seit zwei Jahren als Lehrerin in der kleinen Stadt Agona Swedru. Sie strahlt eine bemerkenswerte Ruhe aus, in ihrem Gesicht scheint stets ein feines zurückhaltendes Lächeln zu liegen. Die Schüler der Vorschulklasse, die sie unterrichtet, mögen sie gern, sie haben Respekt vor ihr. Dies scheint weniger an dem Cane in ihrer Hand, als an ihrem Auftreten zu liegen.
Trotzdem reagiert Agnes wie die meisten ihrer Kollegen belustigt auf den Vorschlag, alternative Bestrafungsmethoden in Betracht zu ziehen. Tatsächlich ist unter ihnen die Vorstellung verbreitet, europäische Kinder müssten fleißiger und braver sein, da sie keinen Stock benötigen. Ironischerweise ist gerade in Deutschland die Auffassung verbreitet, es gäbe so etwas wie den Prototyp des „afrikanischen Kindes“, das nichts lieber macht, als dankbar zu lernen.
In der Realität gibt es an jedem Ort die fleißigen, die frechen, die schüchternen Kinder. Agnes lässt sich davon wenig beeindrucken. „These africant children want the cane“, behauptet sie schlicht.
Was sich zunächst etwas ignorant anhört, scheint in der Praxis tatsächlich einen Teil der Wahrheit zu treffen. So lässt sich öfters beobachten, dass ein Kind nicht bereit ist, sich bei einem anderen Kind zu entschuldigen. Indem es den Cane in Kauf nimmt, kann es Stärke demonstrieren und seinen Stolz bewahren, und so tun die meisten Kinder das Geschlagenwerden mit einem kurzen Lachen ab.
Auffällig ist die darauf zurückzuführende gesteigerte Gewaltbereitschaft der Kinder untereinander. Gewalt ist allgemein anerkanntes Mittel zum Zweck. Schnell wird sich gegenüber Kleineren als Ordnungshüter postuliert, Konflikte werden mit Fäusten ausgetragen, der Stärkere gewinnt. Über die eigentliche Ursache von Konflikten oder den Sinn der Aufstellung von Regeln wird nicht gesprochen, Selbstkritik spielt keine Rolle.
Wie wirkt sich so eine Einstellung auf eine Gesellschaft aus?
Es ist ein typischer, zäh dahin fließender Nachmittag in Agona Swedru ohne besondere Ereignisse, als sich plötzlich eine gespenstische Szene beobachten lässt. Aus dem Nichts entsteht lautstarkes Geschrei, eine aufgebrachte Meute bewaffnet mit Stöckern und Steinen treibt zwischen sich einen nackten Menschen her. Dies sind Momente, in denen man als Ausländer an seine Grenzen stößt. Die eigene Fremdheit wird einem wieder schmerzlich bewusst. Der Mob verschwindet schließlich in einer Seitenstraße und als wäre nichts geschehen, beruhigt sich die Szenerie, die Straße fällt zurück in ihren schläfrigen Zustand. Nach dem Grund des Geschehenes gefragt, gibt der einzige Auskunftswillige zurück, der Mann habe eine Ziege gestohlen. Dafür wurden ihm die Kleider vom Leib gerissen und er durch die Stadt gejagt. „He won't do it again“, ist die schlichte Erklärung. Eine ghanaische Bekannte bestätigt, dass dies gängig sei in Ghana. Diebe, die straffällig geworden sind, würden auch mitunter umgebracht.
Beinahe mehr als dieser Umstand an sich verstört die Tatsache, dass sich niemand an diesem Vorgehen zu stoßen scheint. „This is not Germany!“ – immer wieder begegnet einem dieser Satz und bildet eine scheinbar unüberwindbare Barriere. Man muss sich Fragen stellen, wie: Was für eine Bedeutung hat hier eigentlich eine Ziege? Und was für eine Bedeutung hat das Leben irgendeines einzelnen Mannes? Aber auch – ist es wichtiger, ob eine Gesellschaft funktioniert, oder auf welche Art und Weise?
Es ist schwer, als Außenzustehender zu sagen, was Willkür und was lediglich eine völlig andere Form von Recht ist. Letzten Endes bleibt man immer in den Wänden seines persönlichen Anschauunsapparates gefangen. Dass es etwas gänzlich Anderes, das man weder richtig verstehen noch nachfühlen kann, dennoch geben kann, ist schwer nachzuvollziehen.
Die Menschen hier scheint das Caning und seine Auswirkungen nicht schwächer gemacht zu haben. Im Gegenteil wirken sie insgesamt zufriedener mit sich und stolzer. Gesunder Stolz ist bei uns eine in Vergessenheit geratene Sache. Mit all den Medien, Zeitschriften und Netzwerken, in denen ständig verglichen und verurteilt wird, scheint es schwer zu fallen, sich noch selbst auf natürliche Weise wertzuschätzen, ohne andere herabzusetzen oder arrogant zu wirken.
Woher also kommt diese Haltung hier? Die Gründe dafür mögen vielfältig und vom Einzelfall abhängig sein, und doch gibt es einige Dinge, die auffallen.
Zum Einen ist da der bereits angesprochene geringe Hang zur Selbstkritik, der sich durchaus auch positiv auswirken kann. Denn im Gegensatz zum Caning wird den Kindern im Unterricht auf der anderen Seite auch sehr oft das Selbstwertgefühl gestärkt. Für gute Antworten wird applaudiert, der Lehrplan schreibt vor, dass sie lernen sollen, Dinge zu nennen, die sie an sich mögen.
Ein anderer bedeutender Grund scheint auch der Glaube zu sein, der hier eine sehr große Rolle spielt. Dieser ist nahezu überall präsent, sei es im Religionsunterricht, in fünf Stunden langen Gottesdiensten am Wochenende, Andachten in der Schule und gemeinsamen Gebeten zu vielfältigen Anlässen. Als Atheist wird man mit Missionierungsversuchen oder Mitleidsbekundungen und mindestens mit Unverständnis konfrontiert.
Auch dieses Gottvertrauen ist als Außenstehender wieder schwer nachzuvollziehen. Aber sicherlich kann ein Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit, Zweifel beiseite schieben, ob man selbst und sein Lebensweg seine Richtigkeit hat.
Letzten Endes ist es schwer zu resümieren, was im Bezug auf das Caning nun richtig oder falsch ist. Auf jeden Fall darf man das Caning, bloß weil bei uns undenkbar, nicht mit Unmoralität oder gar einem schlechten Charakter des Ausübenden gleichsetzen.
Man muss sich wie so oft im Leben bewusst machen, dass man bestimmte Verhaltensweisen nie getrennt für sich alleinstehend betrachten darf, sondern diese immer abhängig sind von ihrem Kontext. Mein Großvater, einer der letzten Zeugen der Zeit, als Deutschland noch den Stock benutze, formuliert das lapidar so: „Früher waren die Leute entsetzt, wenn man nicht prügelte. Heute sind sie es, wenn man schon prügelt.“

Schon ein Siebenkommadrittel

So Ihr Lieben,

Da bin ich dann endlich mal wieder, verzeiht mir, dass ich euch so lange habe warten lassen. Dafür bekommt ihr jetzt sogar gleich zwei Blogeinträge, einen zum Thema "Caning" und diesen hier, in dem ich versuchen werde, halbwegs chronologisch zu berichten, was so passiert ist im letzten Monat. Da das relativ viel war, müsst ihr euch wohl wieder auf einigen Lesestoff bereit machen.
Als allererstes braucht ihr wohl einen kleinen Überblick über die Gesamtsituation. Wie ihr euch vielleicht erinnern könnt, war ich Anfangs mit einigen Dingen nicht so zufrieden, bezüglich der Umgebung und Gastfamilie, und auch wenn ich mich mittlerweile besser damit arrangiert habe und langsam auch richtig das Gefühl habe, hier anzukommen, hat sich daran nicht wirklich etwas geändert.
Auch in der Schule gibt es kaum Aufgaben für mich oder die Möglichkeit, selbst Initiative zu ergreifen. Und auf die Dauer eines Jahres betrachtet, frage ich mich dann doch, ob das so ganz im Sinne von Weltwärts ist.  Dies ist generell ein Thema, worüber wir Freiwilligen viel diskutieren, und die Meisten mit mir einer Meinung sind, dass auf längere Sicht die Projekte und Freiwilligen noch weitaus sorgfältiger ausgewählt werden sollten, wenn man eine Verschleuderung von Steuergeldern vermeiden will. Die wenigsten dieser Bildungsprojekte scheinen wirklich den erhofften Sinn zu erfüllen, sollen und können wir doch auf der einen Seite keine Lehrer ersetzen, hat jedoch auf der anderen Seite kaum eine Schule eine Vorstellung davon, wofür sie eigentlich unsere Hilfe braucht. Und so werden wir meist entweder gleich mit der Klasse allein gelassen - oder eben daneben gesetzt. Wir Abiturienten sind alle keine ausgebildeten Fachkräfte, und meiner Meinung nach wäre unser Einsatz in Nachmittagsaktivitäten, wo wir unsere persönlichen Kenntnisse anwenden und unabhängig vom gewohnten Lerntrott Möglichkeiten zur freien Entfaltung anbieten können, weitaus effektiver.
Durch einen eigentlich unglücklichen Zufall hat sich mir diese Aussicht jetzt ergeben. Es ist so, dass  meine Organisation Kultur Life Freiwillige in zwei verschiedene Projekte entsendet hat, einmal nach Agona Swedru und einmal in die Voltaregion. Dort ist nun unerwartet ein Platz freigeworden und die verbliebene Freiwillige Magda lebt dort momentan allein. Ich habe sie vor knapp drei Wochen besucht und es hat mir so gut gefallen, dass wir gemeinsam mit der Organisation beschlossen haben, dass ich zu ihr ins Projekt wechseln werde.
Die Voltaregion liegt im Osten Ghanas an der Grenze zu Togo und hat eine wunderschöne Natur zu bieten. Mein neuer Wohnort Nkwanta ist ein sehr viel ruhigeres Städtchen als Swedru, eingebettet in Regenwald und umgeben von bewachsenen Bergen, die Ghana von Togo trennen. Unser Freiwilligenhaus liegt etwas außerhalb im Grünen und besteht aus zwei aneinandergereihten Appartments mit den Schlafräumen, Küche, Aufenthaltsraum und Veranda. Das heißt, wir leben dort ein wenig selbstständiger, müssen uns selbst bekochen und mit Eimern in einem kleinen Häuschen abseits duschen. Dafür kann man dabei die umliegenden Berge betrachten und sich die Morgensonne ins Gesicht scheinen lassen...
Wir haben auch eine sehr nette Nachbarsfamilie mit acht Kindern, die ausnahmsweise alle echt gut englisch sprechen.
 Mir ist hier zum ersten Mal bewusst geworden, was für eine unglaubliche Macht Sprache hat. Ich habe die Kinder in der Preschool wirklich gern, aber die kaum mögliche Verständigung blockiert viel im Beziehungsaufbau. Deshalb finde ich es so wichtig, dass sie die Möglichkeit bekommen, diese Sprache zu lernen. All die Diskussionen, ob mit der englischen Sprache fremden Kulturen postkolonial etwas aufgedrückt werde, zielen meiner Meinung nach in die falsche Richtung. Es geht ja nicht darum, dass die eigene Identität ersetzt werden soll, sondern noch unmündigen Kindern die Chance gegeben wird, später einmal frei ihren Lebensweg zu wählen, unabhängig von sprachlichen Barrieren.
Jedenfalls freue ich mich, dass ich so hoffentlich öfters Spaß daran haben werde, mit den Kindern zu spielen, beziehungsweise der Familie zu kochen, und auf diese Weise trotzdem noch ein wenig am ghanaischen Familienalltag teilnehmen kann.
Mein neues Projekt ist das Ghana Education Project, gegründet von der Engländerin Gill. Ich werde hauptsächlich in der Kyabobo Girls School, einer über Spenden finanzierten neuen Mädchenschule, und im dazugehörigen Freizeitzentrum arbeiten. Die Schule wirkte auf mich sehr europäisch in Bezug auf Lehrplan, Ausstattung und Erziehungsmaßstäben, und ist so eigentlich kaum zu vergleichen mit den normalen ghanaischen Schulen. Wichtig und gut finde ich vor allem, dass sie trotzdem beitragsfrei ist und dementsprechend nicht nur wenigen priviligierten Kindern zugänglich ist.
Was fehlt, sind momentan nur noch Lehrer und Helfer, die das Ganze richtig ins Rollen bringen. Magda und ich haben auch schon einige Pläne, mir schwebt eine Musik-AG vor, wir wollten Feste organisieren, einen Geschichtenband erstellen, eine Schülermitverwaltung aufbauen und noch Einiges mehr.
Zur Schule hin und zurück fahren wir mit Fahrrädern, die wir auch mal für Wochenendtouren in die umliegende Natur benutzen wollen.
Also alles eigentlich echt positiv. Das einzige Manko ist, dass man, wenn auch nur 400 Kilometer entfernt, doch meistens zehn Stunden braucht, bis man in Accra ist. Sprich, spontane Wochenendtrips und Treffen mit anderen Volunteers sind dann nicht mehr so leicht möglich. Aber ich habe relativ lange nachgedacht, auch über meine Erwartungen generell an dieses Jahr. Und mir ist klar geworden, dass ich auf die Dauer hier kein touristisches Doppelleben führen möchte, mit europäischen Wochenenden, für die ich nicht nach Ghana hätte fahren müssen, und unterfordernden Wochen.
In Nkwanta habe ich vielleicht weniger Ablenkung, aber dafür eine Aufgabe und die Möglichkeit, mich einmal wirklich mit mir selbst beschäftigen zu müssen und durchzuatmen. Denn letztendlich liegt es ja in meiner Hand, ob ich die Zeit nur totschlage und mich langweile, oder mich einsetze und etwas mache, das sinnvoll und nachhaltig ist.
Vor allem aber habe ich mich gemerkt, dass ich mich dort wohl und zuhause fühle, und das ist vermutlich wesentlich mehr wert, als rationale Begründungen. Denn erst hier wird mir langsam bewusst, dass Produktivität nicht gleich Glück bedeutet. Deshalb versuche ich hier aufhzuhören, ständig zu hinterfragen, ob etwas denn so oder so sein kann, in mein logisches gedankliches System der Welt passt. Manche Dinge machen mich eben froh. Vielleicht sind das einfach die Dinge, die am Ehesten meiner Identität entsprechen.
Was die Realität dann entgegen jeder Idylle noch für Tücken zu bieten hat, werde ich euch dann hoffentlich im nächsten Blogeintrag berichten können.

So, wie versprochen möchte ich noch ein wenig über meine Wochenenden berichten, dazu vielleicht passenderweise mal ein paar Anekdoten zum Transportwesen in Ghana. Wie ihr ja vermutlich bereits wisst, bewegt man sich hier hauptsächlich mit TroTros, beziehungsweise für längere Strecken auch mit Bussen fort, in den Orten selber gibt es dann meist Taxis. Wer sich über fünf Minuten Verspätung bei der deutschen Bahn ärgert, dem möchte ich dringlichst raten, einmal nach Ghana zu kommen. Danach wird er sich höchstwahrscheinlich nie wieder beschweren. Als ich in die Voltraregion gefahren bin, habe ich einen tierischen Stress geschoben, weil ich dachte, ich würde den Bus verpassen, der angeblich um halb zehn fahren sollte, denn ich war eine Vierstelstunde zu spät.
 In der Realität habe ich dann fünf Stunden lang auf dem Opera Square gewartet, was aber eine lustige Angelegenheit war, denn man kommt problemlos mit den wartenden Familien ins Gespräch, kann sich am vorbeilaufenden kulinarischen Angebot sattessen und hat immer irgendetwas zu gucken, zum Beispiel die logistischen Wunder Ghanas. Eine Lastwagenladung von Yamwurzeln einfach auf den hinteren Reihen eines Busses verstauen? - Kein Problem. Einen kompletten Umzug per Bus veranstalten? - Na, zu Not kommt ja immer noch das Dach in Frage.
Schließlich sind wir endlich losgefahren und haben irgendwann eine Pinkelpause gemacht, was wohl das Erste war, das in Ghana wesentlich schneller abläuft als in Deutschland. Einfach alle raus, kurz nebeneinander hinhocken, und wieder rein. Zehn Minuten vorm Ziel ist dann ein Laster im Matsch steckengeblieben (das passiert angeblich jedes Mal), also wieder alle raus, schieben, schaufeln, schauen. Dann großer Jubel und jeder rast zu seinem Bus, alle wollen als Erste weiterfahren, nicht, dass noch jemand stecken bleibt...
Zurück nach Accra sind wird dann mit TroTros gefahren, ich hatte an dem Tag einen leichten Magendarminfekt. Ich werde ganz bestimmt nie wieder mit TroTros reisen, wenn mir schlecht ist. Busse federn die Schlaglöcher dann doch ein bisschen besser.
Ein anderes Mal wollten eine Freiwillige, die zu dem Zeitpunkt Malaria hatte, und ich von Cape Coast zurück nach Swedru fahren. Wir wurden stattdessen ersteinmal ausversehen nach Accra gefahren, mit einem eiskalt gekühlten Bus, in dem per übersteuerten Lautsprechern ein ohrenbetäubend lauter und schrecklicher ghanaischer Film gezeigt wurde (ghanaisches Fernsehen ist wirklich noch schlimmer als das Deutsche). In Accra haben wir dann zwei Stunden gewartet, bis das TroTro nach Swedru voll war, und haben uns auf der Fahrt noch einmal zwei Stunden lang von einem Hardcoreprediger vollbrüllen lassen.
Zu guter Letzt: Taxis funktionieren hier in Swedru eher wie Straßenbahnen, haben standardisierte Routen und einen Einheitspreis von 30ct. In größeren Städten sollte man handeln, mindestens um die Hälfte runter, man wird schnell übers Ohr gehauen. Dafür kann man sich aber durchaus auch mal zu siebt in ein Taxi quetschen, der Ghanaer nimmt's gelassen.
Generell wird es einem beim Reisen in Ghana nie langweilig und man kann sich meistens auf ein paar Überraschungen gefasst machen. Aber man hat die Gewissheit, immer irgendwie anzukommen und kann auf die Hilfsbereitschaft der meisten Ghanaer bauen.
Am ersten Wochenende seit dem letzten Eintrag habe ich mit den anderen Freiwilligen aus Swedru Freunde in Accra besucht. Dort haben wir ein ziemliches Kontrastprogramm durchgezogen. Am Vormittag waren wir in der Mall, zu vergleichen mit den deutschen Acarden, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Ich war zwar super glücklich einen sündhaft teuren Gouda zu finden, aber generell habe ich mich in der plötzlich so kalten Atmosphäre gar nicht wohl gefühlt. Im Anschluss ging es dann zum Markt, der wie die meisten Orte in Ghana laut, vermüllt und überfüllt und so gar nicht romantisch war. Wer auf den Markt geht, möchte normalerweise irgendetwas kaufen und nicht gemütlich herumschlendern. Dementsprechend gibt es auch keinen Ort zum hinsetzen und längeres Gucken, ohne belagert zu werden, ist auch nicht so leicht.
So richtig Meins war jedenfalls weder die Mall noch der Markt, was vielleicht auch momentan ein bisschen mein Verhältnis zu Deutschland und Ghana wiederspiegelt.
In Deutschland hat mich der hastige reservierte Umgang im Alltag immer genervt, aber hier bekomme ich manchmal das Gefühl, nicht genügend Platz zu haben. Mir ist aufgefallen, dass ich in all meinen Vorstellungen von Ghana immer eher Beobachter war. Dass ich mittendrin sein würde, die Leute mit mir interagieren würden und ich vom Objektiven ins komplett Subjektive driften würde, mit allen Höhen und Tiefen des entromantisierten Alltags, das war mir irgendwie nicht so bewusst. Und nun muss ich herausfinden, wie ich hier hinein passe, was meine Rolle ist.

Dieses Wochenende, voraussichtlich das Letzte hier vor meinem Umzug, werde ich dann wohl das erste Mal in Swedru verbringen, auf eine Geburtstagsfeier gehen, mich verabschieden. Ich bin nochmal bei meiner Kollegin zum Kochen eingeladen, was das letzte Mal total schön war.
Da habe ich das erste Mal echte ghanaische Gastfreundlichkeit kennengelernt. Ich glaube langsam, die Leute, die hier wirklich an einem interessiert sind, sind nicht Diejenigen, die von Anfang an "Buy me this, bring me a gift" sagen, sondern, die einem selber Kleinigkeiten mitbringen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem Agnes mir nicht Nüsse, oder Wasser oder Ähnliches schenkt, und so habe ich es mir mittlerweile auch angewöhnt, ihr eine Alvaro (ein sehr leckeres ghanaisches Getränk), eine Schokocreme mitzubringen, oder einfach Fotos von zuhause zu zeigen. Sie freut sich jedes Mal total, und ich mich mit. Ich kann euch nur anregen, einfach den Leuten, die ihr gerne habt, öfters mal eine Kleinigkeit zu schenken, von der ihr wisst, dass die Person sie besonders mag. Das macht den Alltag gleich besonderer und freundlicher.
Eine andere Sache, die ich hier notwendigerweise immer mehr erlerne, ist die Gelassenheit. Mir ist aufgefallen, dass ich einen Großteil meines Lebens damit verbringe, Dinge zu bewerten, zu verurteilen und zu kategorisieren. Das passiert so automatisch, dass mir gar nicht mehr auffällt, wie sehr es mich anstrengt. Viel zu oft ärgere ich mich über Kleinigkeiten, die ich schon nach ein paar Stunden wieder vergessen habe. Natürlich passiert das nicht bewusst, aber ich möchte dafür versuchen, mich bewusst in jeder Situation zu fragen, ob es das gerade wirklich wert ist, mir die Laune davon verderben zu lassen.
Meist nimmt man sowieso viel zu viel persönlich. Normalerweise will einem niemand etwas Böses, sondern jeder möchte einfach nur das Beste für sich selbst (was natürlich ist und sich jetzt schlechter anhört, als es ist) und manche verhalten sich dabei rücksichtsvoller und andere weniger.
Als ich mir am Montag in einer äußerst schmerzhaften und langwierigen Aktion meine Haare zu Braids flechten lassen habe, saß ich irgendwann nur noch wie ein halb skalpiertes Elend auf dem Hocker, und habe mich kurzzeitig wahnsinnig geärgert, dass die fünf um mich herum wuselnden und an meiner Kopfhaut reißenden Ghanaerinnen mich dabei auch noch ständig ausgelacht haben. Aber dann ist mir plötzlich nochmal in den Sinn gekommen, was ich euch im letzten Eintrag geschrieben habe: "When they are laughing, they are happy". Und auf einmal hatte ich das Gefühl, es auf eine gewisse Art und Weise zu verstehen. Wenn dich jemand auslacht, kannst du daran normalerweise nichts ändern. Die Mädchen hatten in dem Moment einfach Spaß daran, über den bemitleidenswerten Obroni in ihrem Haarsalon zu lachen. Aber eigentlich kann mir das nichts anhaben. An dieser Stelle würde ich gerne ein passendes Zitat von How I met your mother anbringen: "Peinlich ist nur etwas, wenn wir Peinlichkeit zulassen". Von daher: Einfach drüberstehen und mitlachen. So öffnen sich einem unglaublich viele Wege, fernab des gradlinigen und meist unbewusst fremdbestimmten Weg des Alltags.
Plötzlich tanzt du auf einer Straßenparty, die sich als Beerdigung entpuppt, isst sündhaft scharfe Indomienudeln, die du dir spontan um Mitternacht am Straßenrand kaufst, lässt dir in einer kleinen Bar irgendwo im Nix al-Qaida (die neue Tanzrichtung schlechthin nach Azonto) von einer tanzwütigen Ghanaerin beibringen. Das Leben hält so viele Überraschungen bereit, und Ghana hat zum Glück einige davon für mich parat.

Also, passt auf euch auf, genießt eure Müslis und Milchprodukte und lasst euch nicht zu sehr vom Regen deprimieren (hier ist Regen übrigens etwas unglaublich Positives, man kann in ihm herumtanzen und sich abkühlen und waschen nach einem heißen Tag, die Früchte sprießen an allen Ecken und werden billiger, und die ganze Welt steht für einen Moment still).

Ich lass bald wieder von mir hören und vermisse euch wie immer.
Eure Léonie

Dienstag, 24. September 2013

Aus der Ferne


Ihr Lieben,

Nun versuche ich mich also an meinen ersten Blogeintrag zu machen. Das ist gar nicht so einfach, aus verschiedenen Gründen. Zum Einen prasseln einfach so viele neue Eindrücke auf mich ein, dass ich erst einmal filtern muss, was davon für euch am Interessantesten, oder überhaupt in einem Blog darstellbar ist. Zum Anderen pendelt meine Stimmung ziemlich auf und ab, sodass ich in manchen Momenten einfach nur den nächsten Flug nachhause nehmen will. In diesen Augenblicken muss ich mich immer wieder bewusst daran erinnern, mir meine Neugierde und meine Offenheit zu bewahren und es zu wagen, mich lebendig in den Strom des ungewohnten Treibens zu stürzen.
Ich möchte versuchen, euch in erster Linie ein bisschen von meinen Eindrücken bezüglich des Landes generell zu erzählen. Persönliche Details schreibe ich euch aber gerne in privaten Mails.

Uns wurde immer wieder gesagt, dass wir zu richtigen Urteilen keine Befähigung und Berechtigung haben. Was das bedeutet, wird mir jetzt erst bewusst, da ich immer wieder strauchele, meine eigenen Wahrnehmungen anzweifele, und mich frage, was dazu führt, dass Eindrücke so unterschiedlich aufgenommen werden. Letztendlich hat wohl keiner Recht oder Unrecht. Man lernt nur an unterschiedlichen Orten unterschiedliche Leute kennen, und jeder hat andere Charakterzüge, die ihn auch für verschiedene Dinge sensibilisieren. Das also vorweg.
Mir ist im Vorfeld oft zu Ohren gekommen, dass Ghanaer wahnsinnig "gastfreundlich, fröhlich und herzlich" seien. Hier angekommen finde ich das zum Teil bestätigt, teils sehe ich es aber auch anders. Es stimmt, dass man ganz schnell angesprochen wird, generell einfach unkomplizierter ins Gespräch kommt. Es kann schon vorkommen, dass man pro Tag zwanzig Mal "How are you", "What is your name" oder "Where are you going" zu hören bekommt. Bei diesen Floskeln bleibt es dann aber auch meistens, und dem durchschnittlichen Ghanaer scheint es tatsächlich 365 Tage lang im Jahr "fine" zu gehen. Tränen und schlechte Gefühle sollte man nicht zeigen, eine andere Freiwillige wurde daraufhin beispielsweise mit einem "controll yourself" abgespeist. Ich schätze eine postive Einstellung, aber ich bin auch ein Mensch, dem Ehrlichkeit sehr wichtig ist, und dazu gehört für mich auch, einfach so zu sein, wie man ist.
Zum Anderen ist es für mich momentan noch sehr schwer, zu unterscheiden, ob jemand gastfreundlich oder einfach nur neugierig, beziehungsweise auf irgendeinen Vorteil bedacht ist. So sind die typischen drei Gesprächsverläufe bisher meist so gewesen, dass ich entweder jemanden mit nach Deutschland nehmen, heiraten oder  ihm Geld geben sollte. Das ist auf die Dauer ziemlich ermüdend. Auf der einen Seite will ich Kontakte in der hiesigen Kultur knüpfen, aber irgendwann möchte ich auch nicht mehr immer wieder die gleichen Phrasen hören und sagen, um dann schließlich zuzusehen, wie der andere gekränkt ist, weil ich ihm nicht meine Handynummer geben will oder endlich nachhause gehen möchte. Generell ist es auch oft schwierig, die richtigen Worte zu finden. Wie erklärst du auch schon jemandem, der einen guten Euro am Tag verdient, dass eine kleine Spende an ihn nicht nachhaltig ist, man selber nur ein Volunteer ist und das Geld in Deutschland nicht auf Bäumen wächst?
Wohin ich gehe, ich bin "Obroni", die Weiße. Und so erfahre ich auch zum ersten Mal, was für eine riesige Barriere einfach nur eine Hautfarbe darstellen kann. 
Wenn ich durch den Ort laufe, vergehen keine zwanzig Sekunden, ohne dass mir dieses Wort nachgerufen wird. Es ist unglaublich, aber selbst Einjährigen, die vielleicht gerade so gelernt haben, zu stehen, wurde dieses Wort scheinbar schon beigebracht.

So klingt das jetzt jedoch vielleicht alles sehr einseitig, denn ich habe durchaus auch schon viele positive Erlebnisse gemacht. So hat mich eine meiner Kolleginnen im Projekt zum Beispiel für Donnerstag zum Kochen eingeladen, verschiedene Nachbarsfamilien haben versucht, mir Twi beizubringen und Zuckerrohr und andere undefinierbare Dinge zum Probieren gegeben. Vielleicht muss ich den Leuten auch einfach selbst mehr Zeit und Raum geben, mich kennenzulernen, meine äußere Form des reichen weißen Mädchens mit persönlichen Geschichten, Charakterzügen und gemeinsamen Erfahrungen zu füllen.
Ich habe mich in der letzten Zeit oft gefragt, womit die Menschen hier ihren Tag verbringen, wenn sie nicht arbeiten, und habe mehr und mehr den Eindruck, dass sie vielmals einfach "nichts tun". Was durch unsere kulturelle Brille betrachtet, erstmal negativ wirkt, scheint mir aber eigentlich eine relativ schlaue Sache. Dieses Bedürfnis, ständig etwas zu erleben, das einen ablenkt und erzählenswert ist, scheint einfach nicht so vorhanden. Die Leute, die ich getroffen habe, wirkten relativ zufrieden damit, einfach zu kochen, zu putzen, beieinander zu sitzen und sich zu unterhalten. Ich finde es auch sehr schade, dass ich kein Twi spreche, denn es würde mich brennend interessieren, worüber sich die Leute so unterhalten. Diese Mentalität des "to rest" gefällt mir jedenfalls sehr gut. So wird auch mir immer wieder gesagt "i want you to rest", wenn ich länger eine Aufgabe ausgeführt habe und muss ich einmal früher gehen, ist das auch kein Problem. Wer Entschleunigung sucht, ist hier wirklich richtig. Wenn der Regen mit 120 Dezibel aufs Wellblechdach trommelt, wartet man eben solange, bis die Schüler einen wieder halbwegs verstehen können. Und die Reiselust vieler Freiwilliger wird leicht belustigt hingenommen. Generell werde ich hier oft belächelt. Auf der einen Seite fühle ich mich teilweise ausgelacht, als die "dumme Weiße, die nichts kapiert", auf der anderen Seite meinte meine Rektorin einmal zu mir, dass die Leute einfach lachen, weil sie fröhlich sind. Ich weiß nicht so Recht, was ich glauben soll. Und es ist ja nicht so, dass wir nicht umgekehrt auch oft den Kopf schütteln müssen, wenn wir auf komplett andere Logiken stoßen. Dann müssen wir uns auch immer wieder sagen, dass hier zum Beispiel unser typisch westliches Nutzenabwägen fremd ist. Bloß, dass wir intensiv auf diese kulturellen Unterschiede vorbereitet wurden, die Leute hier aber nicht.
Ich fühle mich hier ein bisschen, wie es mir oft im Physik-Unterricht ging: Vor ein System gestellt, dass so tief und komplex ist, und so unglaublich vielen verschiedenen Regeln gehorcht, dass es schlicht unmöglich scheint, es zu durschauen. Generell versuche ich jetzt aber nicht mehr, mich bei jeder Kleinigkeit perfekt anzupassen - man macht so oder so das Meiste "falsch", schlimm ist das aber nicht, und wenn ich ich selbst bleibe, fühle ich mich wenigstens in sicherer Haut. Das ist übrigens noch so ein Punkt, den ich wirklich gerne verinnerlichen würde. Dass viele Dinge einfach nicht so wichtig sind, und man nicht zwanghaft versuchen muss, alles zu verbessern und zu verändern. So habe ich schon mehrmals Leute zu ihrer Meinung nach etwas gefragt, und immer zur Antwort "I don't have a choice" bekommen. Das hat mich zunächst irritiert, da ich danach ja gar nicht gefragt hatte. Aber dann habe ich begonnen, mich selbst zu fragen, ob es überhaupt so einen großen Sinn hat, Sachen zu beurteilen, die man tatsächlich nicht ändern kann. Die Überlegung finde ich auf jeden Fall interessant, aber ich kenne mich auch selbst gut genug, und ich weiß, dass ich mir schon immer über alles meinen Kopf zerbrochen habe, und das wohl auch so bleiben wird. Und irgendwie macht es ja auch Spaß, aus seinen Gedankenscherben dann irgendetwas Schönes zu basteln.

Nun noch ein bisschen Etwas zu den "Äußerlichkeiten". Das Wetter hier ist erstaunlich angenehm, heute hat es das erste Mal so richtig geschifft, ansonsten ist die Temperatur meist genau richtig, durch Wolken und Wind. Ghana ist auch ziemlich grün. Wenn man den Blick leicht in die Ferne schweifen lässt, sieht man überall Wälder und Bäume. In Agona Swedru selber wiederum stehen nicht arg viele Pflanzen. Großteils besteht der Ort aus rotem Sand und Erde, auf der kreuz und quer verteilt kleine selbstgebastelt aussehende Häuschen aus groben und unverputzten Steinen stehen, dazwischen Wäscheleinen und Feuerstellen, vereinzelte Palmen und die abenteuerlichsten Wege über tiefe Löcher, Streinbrocken und modrige Abflusskanäle, die gerne am nächsten Tag plötzlich zugeschüttet und woanders wieder in den Boden gegraben werden. Zäune gibt es wenn überhaupt nur bei den etwas luxuriöseren Häusern, wo ein Grundstück anfängt oder endet, ist schwer zu sagen. In der Regel läuft man halt da lang, wo man hinmuss. Genauso läuft es im Verkehr. Rechts vor links gilt hier definitiv nicht, die Autos kommen mir ein bisschen vor wie Deutsche beim Schlussverkauf, jeder drängelt so lange, bis er dran ist. Um dieses Ziel auch allen klarzumachen, wird gehupt ohne Ende. Unfälle habe ich noch keinen Einzigen erlebt, aber ich habe das Gefühl, die Leute sind einfach achtsamer und kommunikativer, sie verlassen sich mehr auf sich selbst, als auf Regeln. Oder es liegt daran, dass durch das Drängeln der Verkehr einfach so langsam ist, dass die physikalische Wahrscheinlichkeit eines Crashs extrem sinkt...
Das Zentrum von Swedru ist dementsprechend jedenfalls sehr laut, für ungeübte Fußgänger ziemlich gefährlich, und schmutzig. Dicht an dicht pressen sich hier die überall in Ghana anzutreffenden kleinen Shops, meist Holzverschläge mit Fliegengitterüberzug. Verkauft wird eigentlich alles. Von über den Arm gelegten nicht mehr ganz taufrisch aussehenden Kopfhörern, über Bayern-Trikots bis zu handgroßen lebenden Schnecken. Besonders oft sieht man das typische Plastiktütenwasser (ist übrigens halb so wild, Ecke abbeißen und in den Rachen laufen lassen), und irgendwelche Teigtaschen, die zwar immer unterschiedlich aussehen, aber trotzdem immer gleich schmecken. Genauso wie alles verkauft wird, wird auch alles auf dem Kopf getragen. Und damit meine ich wirklich Alles! Ich habe schon Frauen mit kleinen Badewannen voll Wasser,  Bretterstapeln oder auch einem schlichten Jim Beam auf dem Kopf gesehen.
Was leider ein wirkliches Problem hier zu sein scheint, ist die Müllentsorgung. Jahrhunderte lang haben die Leute biologisch abbaubare Verpackungen aus Blättern genutzt. Dann kamen im Zuge der Kolonialisierung nach und nach andere Materialien und schließlich Plastik ins Land und überfluteten es. Es ist verbreitet, Dinge, die man nicht mehr braucht, einfach unter sich fallen zu lassen. Mülleimer in der Öffentlichkeit wird man vergeblich suchen, ich habe auch hier zuhause noch keinen entdeckt und die einzige Müllabfuhr, die ich bisher gesehen habe, war ein klappriges Fahrrad, das den Müll zu einem anderen Ort mit noch mehr Müll fährt, wo er dann stinkend verbrannt wird. Auch an manchen Stränden findet man bergeweise Abfall, der vom Meer aus an Land gespült wird, großteils auch aus Europa! Persönlich stopfe ich momentan meinen Rucksack immer so lange mit Müll zu, bis er halt fast platzt, um dann wiederum alles in irgendeinen überfüllten Mülleimer, den ich in einem Laden oder der Schule finde, zu stopfen. Ich habe mich aber auch schon ertappt, wie ich zum Beispiel eine Wassertüte in irgendeinen Abwasserkanal fallen lassen habe. Das ist wirklich frustrierend. Ich überdenke jedenfalls inzwischen dreimal, was ich kaufe, und Einkaufstüten lehne ich prinzipiell ab. Ich kann euch nur den Anstoß geben, einmal zu überlegen, wie viel Müll ihr eigentlich selbst so produziert, und was damit dann passiert. Denn nichts verschwindet einfach so von alleine, auch wenn man das bei uns gerne glauben mag.

Alles in allem fällt es mir schwer, ein Resumee zu formulieren. Ich kann eigentlich zu diesem Zeitpunkt nur feststellen, dass mein Kopf wachsam und mein Herz weit geöffnet ist, empfänglich für all die neuen Erfahrungen, aber auch verletzlich.
Und so habe ich wieder angefangen, zu schreiben. Wenn du keine Ablenkung hast, und dein einziger Zuhörer dein Tagebuch ist, dann schreibst du eben.  So merke ich nach langer Zeit wieder, was mich eigentlich ausmacht. Ich distanziere mich von mir selbst und finde gleichzeitig zu mir zurück. Erkenne, welche Werte mir wirklich wichtig sind, denn in der Fremde werden bislang nur schwer nachzuvollziehende Floskeln realer und bedeutender. Dinge wie Toleranz und Rücksichtsnahme, aber auch einfach die Familie. Wie unglaublich viel mir diese bedeutet und gibt, merke ich erst hier richtig. Und das ist vielleicht die Aussage, die ich am eindeutigsten und vor allem am persönlichsten in diesem Blog treffen kann. Es gibt nichts Schöneres und Wertvolleres als eine hinter dir stehende und dich liebende Familie, zu der du unter allen Umständen und jederzeit zurückkehren kannst.
Jedenfalls versuche ich weiterhin das Beste aus Allem zu machen, mich nicht entmutigen zu lassen, auch wenn ich euch alle tierisch vermisse. Über Mails von euch freue ich mich jedenfalls sehr, und sie geben mir immer Kraft, wenn es mir nicht so gut geht.

Ganz viel Liebe,
Eure Ama Leo
(Das hat Ghana mir genommen, mein "Nie", aber ich habe ein "Ama" bekommen, ist doch auch schön.)

PS: Sämtliche Rechtschreib- und Kommafehler seien mir bitte verziehen.